Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Trauermesse

 

Wir gehen in die Kirche. Mit FFP2-Masken. Mit medizinischen Masken. Eine Frau sitzt an einem Tisch. Meinen fragenden Blick mit dem Hinweis quittierend, dass ich mich mit Vornamen, Familiennamen und Telefonnummer registrieren lassen muss. Zur Trauermesse.
Da es heute um einen Angehörigen geht, gebe ich ihr meine persönlichen Daten. Alle ringsum hören und sehen, was sie in ihrer Liste notiert. Dann frage ich sie. Nach ihrem Namen. Und nach ihrem Vornamen. Ich tippe beides zusammen mit dem Datum in mein Handy ein. Suche mir einen Platz am Rand. Ich bekomme so schlecht Luft unter der Maske. Davon abgesehen bin ich gesund. Und nein: Ich trage keinen vermeintlichen Westentaschenvirus in mir. Wenn ich krank bin, geh ich zum Arzt und bleib zu Hause.

 

Der Pfarrer kommt durch eine Seitentür herein. Maskenfrei. Er stellt uns seine geistliche Unterstützung aus Bayern vor, die heute FFP2 trägt. In unschuldigem Weiss. Passend zum Umhang. Die Kirchenkollegin hat sich mit einer Medizin-Maske verhüllt.

Es geht los. Wir stehen auf. Setzen uns wieder. Beten. Singen. Geben uns von weitem ein Zeichen des Friedens. Um danach dort weiter zu machen, wo wir vorher aufgehört haben. Ich lausche. Warte, dass der Pfarrer Bezug auf den Verstorbenen nimmt. Um ihn scheint es heute nicht wirklich zu gehen. Alles dreht sich darum, dass von Außen nichts Schlechtes in den Menschen kommen kann. Böses und Negatives kommen oft von den Gedanken. Und vom Herzen. Das hören wir drei- bis viermal. Scheint wohl die Kernbotschaft der heutigen Predigt zu sein.

Ich überlege, warum der Pfarrer keine Maske trägt. Hat er ein Attest? Oder braucht ein predi-GENDER Pfarrer keine? Hat er keine Lust?  Versteh ich nicht. Die ganze Kirchengemeinde bekommt Masken verordnet.* Dachte, unter Gott sind alle gleich. So genau kenn ich mich natürlich nicht aus. Vielleicht möchte er uns ein Zeichen geben? Dass wir uns nicht zu fürchten brauchen. Vorm Virus, meine ich. Ich zieh meine Maske runter. Das dauert nun schon eine Stunde. Und ich bekomme so schlecht Luft.

Zur Verteilung der Hostie bedeckt der Pfarrer sein Gesicht mit einer roten Maske. Hat er Angst, dass er sich ansteckt? Als sein Kollege mit Maske neben ihm saß, schien das kein Problem. Ich verstehe es nicht.  

Die Fürbitten werden gelesen. Für die vielen Menschen, die an Corona gestorben sind.* Diejenigen, die nach der Impfung Nebenwirkungen haben (davon kenne ich inzwischen sehr viele) werden nicht genannt. Auch nicht die, welche im zeitlichen Zusammenhang damit gestorben sind. Wie er, wegen dem wir heute gekommen sind. Immerhin wird er am Ende doch noch kurz namentlich erwähnt. Gefolgt von dem Wunsch, dass uns der Herr einen schönen Spätsommer schenken möge.

Ich verlasse die Kirche in Gedenken an den, der von uns gegangen ist. Fühle mich wie ein armer schuldiger Sünder. In der Hoffnung, dass Gott mir vergeben wird.

Ich denke an das Buch, das mir eine Freundin schenkte. Zweimal gelesen. Vieles noch nicht verstanden. „Rückkehr von morgen“ - für mich sehr anspruchsvolle Literatur. Bedingungslose Liebe, die Gott den Menschen entgegen bringt. Wenn wir unser Herz öffnen, dann kann er bei uns wohnen. Einzug halten. Dann können wir uns selbst und andere ebenfalls bedingungslos annehmen. Und lieben.

So viele Kirchen fand ich verschlossen. Geh nur noch hin, wenn‘s unbedingt sein muss. Ich bete täglich. Direkt. Für alle. Für meine Lieben. Einen Platz dafür finde ich überall.

* 92.300 an / mit Corona Verstorbene (offizielle Zahlen des RKI) und 83,1 Mio. Einwohner in Deutschland (lt. Statistischem Bundesamt) ergibt ca. 99,89Prozent Überlebende. Ich gehöre dazu. Und alle, die das lesen. Wir. Hier. Zusammen. In dieser Zeit. Danke.




September 2021