Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Auf der Suche ...


Obwohl ich rechtzeitig losfuhr und es nach Friedrichshafen nur wenige Minuten sind, kam ich zu spät. Die Parkplatzsuche erwies sich als Herausforderung an diesem Freitagmorgen im Mai 2022. Letztendlich fand sich ein Parkhaus.

Besucher der Agentur wurden durch einen Aushang an der Eingangstür zum Tragen einer FFP2-Staubschutzmaske verpflichtet. Dass ausgerechnet hier immer noch Maskenpflicht galt, überraschte mich. Aktuell konnten die Menschen in den meisten Einrichtungen selbst entscheiden, ob sie eine Maske benutzen wollten oder nicht, z.B. in der Gastronomie, an den Schulen, in den Kinos, an den Tankstellen und in den stark frequentierten Supermärkten (wie Kaufland, Aldi, Lidl, Edeka – welche laut Medien nie Corona-Hotspots waren). 

Ich trat ein – ohne Maske. Eine freundliche, schlanke Sicherheits-Mitarbeiterin in Arbeitsuniform mit blauen Augen und schwarzer Kurzhaarfrisur zeigte auf den Türaushang und verlangte das Tragen einer FFP2-Maske. Ich nahm eine OP-Maske aus der Tasche und zog sie übers Gesicht. Dann ging ich hinaus und fotografierte Türaushang und Sicherheits-Mitarbeiterin. Letztere untersagte mir, sie zu fotografieren. Und verlangte das Löschen ihres Fotos. Im Eifer des Gefechts fand ich die Löschfunktion nicht. Sie redete so lange auf mich ein, bis ich das Foto unter ihren Augen von meiner Kamera entfernt hatte. Dann fragte ich nach ihrem Namen. Sie behauptete, den müsste sie mir nicht sagen. Das verstand ich nicht. Sie war doch diejenige, die hier offiziell die Maskenpflicht durchsetzte und dafür auch bezahlt wurde. Ich fragte, warum sie mir ihren Namen nicht geben wollte. Dafür nannte sie keine Begründung und wiederholte, ich dürfte den Türaushang fotografieren, mehr nicht. Keine Fotos. Keine Namen. Nicht von ihr.


Ich ging mit Maske hinein und wollte mich hinter den zwei bis drei Wartenden anstellen. Die Sicherheits-Mitarbeiterin forderte mich auf, zuerst die Hände zu desinfizieren. Das tat ich und fragte nach Wasser zum Abwaschen der schädlichen Inhaltsstoffe. Sie zeigte zu den Toiletten. Dort wusch ich das stechend riechende Desinfektionsmittel ab. Und reihte mich wieder in die Warteschlange ein. Stehen mit Maske geht bei mir nicht lange gut. Einatmen. Ausatmen. Ich hockte mich hin, weil es vorn keine Stühle gab. Holte meinen Schreibblock heraus, um Notizen zu machen. Ich informierte die Sicherheits-Mitarbeiterin, dass ich alles über Corona dokumentiere und fragte sie nach der Firma, bei der sie arbeitete. Sie zeigte auf ihre Arbeitsuniform und erteilte mir bereitwillig Auskunft, in wessem Auftrag sie hier die Sicherheit überwachte.

Ich rang nach Luft unter der Maske. Um genügend Sauerstoff zu bekommen, zerrte ich das Ding unter die Nase. Einatmen. Ausatmen. Die Sicherheits-Mitarbeiterin ermahnte mich sofort: "Ziehen Sie die Maske vollständig über die Nase!" Ich erklärte ihr, dass ich schlecht Luft bekomme unter der Maske. Sie antwortete: „Wir haben hier noch Maskenpflicht. Das ist leider so.“ Da zog ich die Maske wieder bis über die Nase und versuchte, irgendwie zu atmen. In meiner Brust wurde es immer enger. Angst  stieg in mir hoch. Angst, hier vor den Leuten umzukippen. Längeres Stehen und Warten mit Maske löst bei mir Atemnot aus. Einatmen. Ausatmen. 

Mir fiel ein, dass ich einen Termin hatte und gar nicht warten musste. Ich wendete mich an die Sicherheits-Mitarbeiterin. Sie winkte mich durch. Ich dankte ihr und lief zum Raum, in dem die Vermittlerin saß, die für mich verantwortlich war. Dabei nahm ich die Maske ein wenig vom Gesicht weg, um Luft zu schnappen. Einatmen. Ausatmen. Ein bisschen mehr Sauerstoff. Um wie viel Minuten ich zu spät war, wusste ich nicht. Die Vermittlerin saß am Platz. Unmaskiert. Ihre Bürotür stand offen. Als sie mich sah, stellte ich mich vor, entschuldigte mich für mein Zuspätkommen und erklärte den Grund. 

"Das lohnt sich jetzt kaum noch", stellte sie fest. Es wäre meine Schuld, weil ich zu spät war. Und es blieben höchstens 15 Minuten – bis zu ihrem nächsten Termin. Einatmen. Ausatmen. Sie schlug vor, einen neuen Termin zu vereinbaren. Ich erwiderte, es wäre in Ordnung und ich würde hier warten. Ich bekam schlecht Luft und setzte mich auf einen Stuhl vor ihrem Büro. Außer mir hielt sich im hinteren Bereich nur noch eine Frau auf, die mehr als fünf Meter entfernt stand. Die Vermittlerin erklärte, sie müsste noch etwas Wichtiges am Rechner fertigstellen, eine Tabelle. Ich nickte. Damit verkürzte sich die Beratungszeit um weitere Minuten. 

Ich saß im Gang. Mit der Maske. Einatmen. Ausatmen. Sie rief mich herein. Ich bekam kaum Luft und setzte mich schnell. Zog die Maske ein bisschen vom Gesicht weg, um Sauerstoff zu kriegen. Einatmen. Ausatmen. Sofort ermahnte mich die Vermittlerin: „Ziehen Sie die Maske über Mund und Nase!“ Ich sagte ihr, dass ich keine Luft bekomme. Darauf erwiderte sie: „Wir haben hier Maskenpflicht. Ist leider so. Kann man nichts machen.“ Ich zog die Maske also wieder vollständig über Mund und Nase und machte der Vermittlerin klar, dass zwischen uns ein Abstand von mindestens zwei Metern lag und wir zusätzlich durch eine transparente Kunststoffwand geschützt waren. Und dass sie eben selbst keine Maske aufhatte. Die Vermittlerin antwortete, dass sie allein im Büro keine Maske tragen müsste. Und dass in der Einrichtung hier Maskenpflicht vorgegeben war. Das sei eben so.“ 

Ich atmete weiter schwer und griff immer wieder an die Maske. Die Vermittlerin befahl erneut, dass meine Maske vollständig auf Mund und Nase bleiben müsste. "Aber ich muss doch irgendwie atmen können", dachte ich verzweifelt und warf ein, dass das unter Umständen Körperverletzung sei. "An dieser Stelle breche ich das Gespräch ab! Das macht so keinen Sinn!", entschied die Vermittlerin. Nicht, weil ich keine Luft bekam. Darum ging es nicht. Die Vermittlerin verordnete mir weiterhin Maskenpflicht, obwohl ich sie darauf hingewiesen hatte, dass ich unter der Maske kaum Luft bekam, darunter litt und es mir dadurch gesundheitlich schlecht ging. Etwaige Schäden für mich – egal welcher Art  – nahm sie damit billigend in Kauf. Ich atmete schwer und fragte: "Wie sollen wir das dann machen?" Sie wurde immer unfreundlicher und meinte, das könnte man auch telefonisch regeln. Auf diese Art würde sie das Gespräch mit mir nicht fortsetzen. 

Ich verließ den Raum. Fühlte mich elend. Abgefertigt. Entwürdigt. Rausgeschmissen. Setzte mich wieder auf den Stuhl im Gang. Mit Maske über Mund und Nase. Hechelte nach Luft. Einatmen. Ausatmen. Die Vermittlerin kam heraus und ging an mir vorbei. Ich vernahm lautes Lachen – vorn, wo die Sicherheits-Mitarbeiterin die Hereinkommenden kontrollierte. Wegen dem gefährlichen Virus. Ich versuchte bei mir zu bleiben. Mir wurde übel. Unter der Maske. Einatmen. Ausatmen. Die Vermittlerin kam zurück. Als sie wenig später ihr Büro verließ und abschloss, fragte sie in barschem Ton, ob ich sicher sei, keine Erste Hilfe zu brauchen. Und ob es nicht besser wäre rauszugehen. Hier drin bleiben würde wenig Sinn machen. „Ich möchte noch etwas sitzen. Wenn ich mich besser fühle, gehe ich bald", bat ich. Das wurde geduldet. Ich blieb also sitzen. Einatmen. Ausatmen. Nach 10 Minuten stand ich auf und ging an der Sicherheits-Mitarbeiterin vorbei. Sie schaute weg. Draußen zog ich endlich die Maske vom Gesicht. Mir war schwindlig. Ich ließ mich auf einem kleinen Steinabsatz vor der Agentur nieder und holte tief Luft. Einatmen. Ausatmen. Da saß ich. Vor einer Behörde, die auch von meinem Gehalt finanziert worden war. Jahrelang. Vor einer Behörde, der es nicht um mein Wohl ging, sondern um Regeln. Die niemals hinterfragt werden durften und eingehalten werden mussten. 

Wo war die Menschlichkeit geblieben? 

Einatmen. Ausatmen. Leute gingen an mir vorbei. Niemand fragte. Leute gingen in die Agentur. Niemand half. Leute kamen aus der Agentur. Niemanden interessierte es. Ich versuchte mich zu beruhigen. Die Tränen hinunterwürgend. Einatmen. Ausatmen. Endlich genug Luft zu bekommen. Gleichgültigkeit. Irgendwann stand ich auf und ging. Langsam. Ein paar Schritte. Ich fühlte mich schwach. Das Parkhaus schien unerreichbar weit weg. Schaff ich nicht.

Ich bog in die nächste Tür. Eine Autovermietung. Fragte, ob ich mich kurz setzen darf, mir sei schwindlig. Die Frau stand auf und führte mich in einen Nebenraum. Sie bot mir einen Stuhl und fragte, ob ich ein Glas Wasser möchte. Ich dankte ihr und versuchte zu atmen. Ohne Maske. Sie brachte mir eine Flasche Wasser und ein Glas. Sagte, ich sollte mich melden, wenn ich irgendetwas brauchte. Ich dankte ihr. Ein paar Minuten später kam ein Mann herein und nahm in sicherem Abstand Platz. Er schwieg. Ich spürte seinen Blick. Schaute ihn an. Keiner von hier. Einatmen. Ausatmen. „Trinken hilft“, meinte er. Ich dankte ihm, dass er sich sorgte, mich hier sitzen ließ und helfen wollte. Dann verschwand er wieder. Nach einer Weile fragte die Frau, ob ich vielleicht Corona hätte. Weil manche doch umkippen. Ich berichtete kurz von der Agentur nebenan, dem Maskenzwang und meiner Atemnot. Damit war sie zufrieden. Einatmen.  Ausatmen. Eine Weile saß ich da. Trank noch ein Glas Wasser. Fühlte mich etwas besser. Einatmen.  Ausatmen. Ich dankte der Frau in der Autovermietung für ihre Menschlichkeit und Hilfe. Und ging. Setzte mich ein paar Minuten an die Bushalte vorm Parkhaus und fuhr zurück. Legte mich hin und dachte nach.

 


Was wurde hier eigentlich „vermittelt“?
Macht? Kontrolle? Angst? Druck?
Oder Menschlichkeit?
Wer entschied, ob und wann Gespräche abgebrochen wurden?
Wer entschied, ob etwas Sinn machte oder nicht?
Wer entschied über die Menge Luft, die einzuatmen man berechtigt war?
Wer hatte die Mittel dafür erwirtschaftet?



Unverhältnismäßige Verhältnismäßigkeit.


Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Jeder Mensch hat das Recht, frei über seinen Körper zu entscheiden.
Jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern.
Die Würde des Menschen ist unantastbar.




Datenlage Stand 6. Mai 2022
Quelle: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html/
RKI offizielle Corona/Covid-19 Fallzahlen:
Fälle in den letzten 7 Tagen: Deutschland gesamt: 460.013
Corona/Covid-19 Todesfälle gesamt: 136.339
99,836% haben nach zwei Jahren Corona-Pandemie überlebt.
Einwohnerzahl Deutschland: 83,2 Mio.
Quelle: https://de.statista.com/themen/20/einwohnerzahl/


Ein weiteres Gespräch mit der Vermittlerin fand Ende Juni in wertschätzender Atmosphäre und auf Augenhöhe statt. Maskenpflicht bestand nicht. Warum dieselbe Security-Mitarbeiterin den Eingangsbereich trotzdem überwachte? Das neue Normal?