Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

In der Not ...

 

 

Noch nie war ich hier. Wo ist ein freier Parkplatz? Ich finde einen und schließe das Auto ab. Parkautomaten? Den sollte ich vorher bezahlen. Trotz der Schmerzen. Nierenkolik, hat der Arzt gestern gesagt. Tabletten haben nicht geholfen. Zum Glück habe ich genug Kleingeld dabei. Wie lange wird es dauern? Keine Ahnung. Ich zahle großzügig. Und laufe los. 

Zur Notaufnahme. Gleich da vorn. Gott sei Dank! Nein. Erst muss ich an der großen Apotheke vorbei und dann noch durch den Park. Eingang. Drehtür. Maskenpflicht. Ich habe keine dabei. Vergessen. Keiner schnauzt mich an. Jemand schenkt mir eine FFP2. Ich setze sie auf. Atemnot. Nierenkolik. Warten an der Anmeldung. Kärtchen zeigen. Im Wartebereich Platz nehmen. Jede Minute - ein ganzes Jahrzehnt. Warten. Warten. Warten. 

Mein Name wird aufgerufen. Endlich. Quäl mich hoch und folge. Ist viel los hier. Unvorbereitet werde ich mit der Notwendigkeit meines 3. Testes konfrontiert. Ich denke an Ungarn. Panik macht sich breit. Versuche zu verhandeln. Bitte nur im Rachen. Nein, in Rachen UND Nase. Dann bitte nur vorn in der Nase. Dann macht es keinen Sinn. Wir müssen uns hier auch alle täglich testen. Schweigen. Ich soll TIEF einatmen und ausatmen, damit ich mich entspanne. Unter der Maske. Mit Nierenkolik. Ich versuche es. Denn ich brauch dringend Hilfe, damit diese Schmerzen aufhören. Egal wie. In der Not greife ich nach dem Schenkel der jungen MTA, um Halt zu finden. Sie tut ihren Job. Routiniert und leichthändig. Schon ist es vorbei. Sie beteuert, dass sie das immer sehr vorsichtig macht. Ich gebe ihr Recht. 

Daten aufnehmen. Blut abnehmen. Urin abgeben. Läuft. Eine junge Urologin stellt sich vor. Fragt mich allerlei Dinge. Auch, ob ich geimpft sei. Wann ich das letzte Mal beim Gyn war. Ich erkläre, dass ich so wenig wie möglich zu Ärzten gehe. Nur im Notfall. Auch das nimmt sie auf. Ultraschall. Abtasten. Blase. Niere. Den Nierenstein kann sie nicht sehen. Deshalb wird Röntgen gebucht.

Die Zeit vergeht. Ich beobachte die Menschen. Ich liebe es, Menschen zu beobachten. In der Notaufnahme. Mit Nierenkolik. Und FFP2-Maske. Das Personal ist auffallend jung. Alle sind beschäftigt. Junge Mädchen mit blonden Pferdeschwänzen. Oder dunklem Kurzhaar. Ungeschminkt. Geschminkt. Groß. Klein. Schlank. Füllig. Dazwischen ein paar männliche Kollegen. Hier ein Späßchen. Dort ein Blick. Eine helfende Hand. Jeder tut sein Bestes. Jugendliche Disziplin. Gepaart mit etwas Ehrgeiz. Und Lockerheit. Im Willen zu helfen vereint. Alles folgt den erlernten Anweisungen, Vorgaben und Schablonen. 

Draußen im Gang liegt eine Frau. Sie ist noch älter als ich. Was genau der Mann in Blau mit ihr anstellt, kann ich nicht sehen. Mehrmals ruft sie laut: AUA. Dafür steht jede Menge Medizintechnik bereit. Drucken. Surren. Piepsen. Ich starre die gelb gekachelte Wand an. Die riesigen metallenen Schließhebel der Schiebetüren erinnern mich an Schlachthöfe. Auf einmal wird mir übel. Ich gebe rechtzeitig Bescheid. Erfahre, dass Brechreiz leider zu einer Nierenkolik dazugehört. Die MTA reicht mir einen Spukbeutel. Dazu muss ich die Maske zwangsläufig abnehmen. Wohlwissend, damit alle hier in Lebensgefahr zu bringen. Es kommt mir vor, als wäre dies das letzte Krankenhaus der Welt, in dem man Masken tragen, PCR testen muss und nach seinem Impfstatus gefragt wird. 

Die junge Frau kommt mit 2 Fläschchen und Schläuchen zurück. Ich schau sie fragend an. Sie deutet auf die Kanülen in meinem Arm und erklärt, dass sie mir die Infusionen sicher nicht vaginal einführen wird. Wir lachen beide los. Nierenkolik. Infusionen. Schmerzlinderung. Krampflösung. Hoffentlich bald. Sie schieben mich nach nebenan. In die Röhre. Eine angenehme Frauenstimme von Band gibt vor, was ich zu tun und zu lassen habe. Beine strecken. Arme über den Kopf nehmen. Tief einatmen. Atem anhalten. Nicht bewegen. Wieder normal atmen. Dreimal. Mit Maske. Und Nierenkolik. Alle sind sehr nett. Alle geben sich Mühe.

Die Schmerzen werden wieder stärker. Stöhnen unter der Maske. Ich schaue, wie die Flüssigkeit in meinen Körper rinnt. In der Hoffnung, dass sie bald wirkt. Warten. Auf die Werte. Auf die Ärztin. Ein Blick zur großen Uhr. Die Parkzeit ist längst abgelaufen. Warten. Mit Maske. Und Nierenkolik.

Irgendwann erscheint eine andere junge Ärztin. Sie erklärt mir, dass ich viel trinken soll, dass ich viel springen soll und dass ich viel Treppensteigen soll. Damit der Stein sich löst. Darauf habe ich gerade richtig viel Lust. Mit Nierenkolik. Und FFP2-Maske. Sie schreibt mir jede Menge Medikamente auf. Was meinen Brechreiz erneut stimuliert. Aber es geht. Irgendwie. Bin ja noch nüchtern. Dann entlässt sie mich. In die Apotheke, die auch noch etwas verdienen soll. 

An meiner Windschutzscheibe hängt kein Knöllchen. Für den Fall hätte ich auch eine Lösung.

Wenn es mir besser geht, werde ich die Tabletten zurückbringen. Mit dem Hinweis, dass mein Körper sie nicht wollte. Und mir eine Wärmflasche und viel trinken geholfen haben.


















Medikamente plus 2 Infusionen, Ultraschall und Röntgen*
-> Wahnsinn, was Medizin heute alles kann!



* Ergänzende Erinnerung an meine letzte Nierenkolik vor 35 Jahren:
Aus dem Zug ausgestiegen. Notarzt gerufen. Spritze gegeben.
Kann sein, dass ich später noch ein Medikament bekam, aber ...

ICH KANN MICH NICHT MEHR ERINNERN!







 

08/2022