Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Ich hab (fast) keine Angst vor Krieg ...


In Ostdeutschland aufgewachsen. Mit Kriegsgerät bestens vertraut. In der Schule - Klub der jungen Soldaten. Freiwillig. Ohne mich. Im Sportunterricht - Luftgewehrschießen. Alles Mögliche getroffen. Außer der Zielscheibe. Im Stadion - Handgranatenweitwurf. Ob die entschärft waren? Keine Ahnung. Mir ist nichts Besonderes aufgefallen. Handgranatenweitwurf. Auf Zensur. Immer noch besser als Kugelstoßen.

Potentieller Atomschlag. Klassenlehrer informiert: Nicht in Fensternähe aufhalten. Unterm Tisch Schutz suchen. Alles ganz entspannt. 

Tschernobyl. Ausnahmsweise guter Westempfang. Im Tal der Ahnungslosen. TiVi berichtet von Hotlines flutenden Wessis, vor tödlicher Strahlung Rettung suchend. Von ausverkauften Geigerzählern. Und was man noch bedenkenlos zu sich nehmen könnte ... als die Wolke längst hinweggezogen war über ahnungslose Ossis, die weiterhin Obst und Gemüse von ihren B58-Gartenbeeten schleckten und sich an Waldpilzen labten. 

Zug nach Leipzig. In einem Waggon mit russischen Soldaten. Russische Soldaten! Haben mich nie nach Ausweis gefragt. Nicht mal nach Impfausweis. Haben mich nie dumm angemacht. Nie tätlich angegriffen. Russische Soldaten! Haben bei Panne auf der Autobahn angehalten und gefragt, ob genug Benzin im Tank. Haben Trabi mit Hammerschlag auf Motorhaube wieder flott gemacht. Russische Soldaten! Haben mich sonst in Ruhe gelassen. Ich sie auch. 

Studium. Lager für zivile Verteidigung. Teilnahme Pflicht. Nur paar Wochen. Einfahrt ins Militärgelände. Mit dem Bus. Schranke schließt. Gruppenführer stehen bereit. Aschgrau, die Gesichter. Besorgte Nachfrage ergibt nicht Lagerkoller, sondern eskalierte Party vom Vorabend als Grund. Materialausgabe. Größe? „S“. Uniform, Zeltplane, Gürtel, Stahlhelm, Stiefel, Schutzanzug, Atemschutzmaske und so weiter. Alles auf die Plane schmeißen. Über den Rücken werfen. Sauschwer. Fast aus den Latschen kippen. Ganzen Kram niedergebeugt wie ein Maulesel aufs Zimmer schleppen. Spind einräumen. Sechs Uhr morgens: „Raustreten zum Frühsport!“ Später. Noch ne halbe Stunde pennen. Krieg rennt nicht fort. „Raustreten zum Frühsport!!!“ Aus dem Bett schießen. Jogginganzug überstreifen. Einmal für kleine Flamingos. Kurze Runde um den Block traben. Ohne Frühstück. Ohne Kreislaufkollaps. Unglaublich. Salutieren. Kommandieren. Marschieren. Im Schneetreiben. Alle Augen nach links. Synchron-Drehung nach rechts. 180°. Ein Lied, zwo drei vier. Hindernisparcours - mein Albtraum. Eskaladierwand? Gibt‘s hier nicht. Tiefe von Herzen kommende Dankbarkeit. Seil- und Knotenbindekunst. Erste-Hilfe-Kurs. Gasschutzanzug, Maske und geputzte, polierte Stiefel anziehen. Stoppuhr läuft. Muss viel schneller gehen. Ausziehen. Anziehen. Stoppuhr läuft. Wache schieben. Ausgang. Nachtruhe. Zimmerabnahme: Betten nach Vorgabe gemacht? Ja. Schuhe bilden eine Linie? Ja. Fenster geputzt? Ja. Raum gründlich gekehrt? Ja. Kehricht nicht im Papierkorb entsorgt? Ja. Papierkorb geleert? Ja. Spind verschlossen und Schlüssel abgezogen? Mist. Punktabzug in der B-Note. Nach dem Frühstück Schlüssel beim Obersten abholen. Entschuldigen. Freundlichkeit heucheln. Schlüssel dankend entgegennehmen. Versprechen, dass es nie wieder vorkommt. Abschlussprüfung. Katastrophenfall. Bisschen Wangenrouge auflegen. Team steht bereit zum Kampfeinsatz. Startsignal. Zeit läuft. Losrennen. Zum Bunker. Einer muss rein. Den Verletzten versorgen. Verdammt eng. Verdammt dunkel. Verdammt beängstigend. Kurzes Zögern. Alle Blicke auf mich. Die Kleinste, war ja klar. Kommando: „GAS!“ Auch das noch. Gasmaske hektisch anlegen. Über die Notleiter ins Loch klettern. Unten angekommen, Schnuffi vom Gesicht reißen. Durchatmen. Verletzten suchen. Und finden. Fragen, was er hat. Bein gebrochen. Ach so, was machen wir denn da? Er meint, er hätte sich schon selbst geschient und verbunden. Und auf die Trage gelegt. Ja, jetzt seh‘ ich’s auch! So ein Netter. Prima. Kurz die Seile prüfen. Den Kameraden ein Zeichen geben, dass Verletzter über die Rampe rausgezogen werden kann. Klappt wie am Schnürchen. Schnuffi überstülpen. Rampe hochkriechen. Stiefel finden keinen Halt. Zurückrutschen. Ärgern. Nochmal. Mit Schwung die Rampe hoch. Mit Schwung die Rampe wieder runter. Schaff es nicht! Die Kameraden und der Verletzte schauen interessiert zu. Zeit läuft. Noch ein Versuch. Rampe hoch. Abrutschen. Keine Kraft mehr. Keine Luft mehr. Keine Lust mehr. Verzweifeltes Brüllen: Komm nicht raus! Von oben: Beine gegen die Seitenwände stemmen! Probieren. Eine Gliedmaße nach rechts werfen. Andere Gliedmaße nach links werfen. Wieder unten angekommen einsehen, dass sich zu kurze Beine schlecht gegen Seitenwände stemmen lassen. Zeit läuft. Von oben: An der Seite am Drahtseil festhalten und hochziehen! Rettung. Rampe hochquälen. Zentimeter für Zentimeter. Kameraden schauen genervt. Zeit läuft. Endlich draußen. Weiter hetzen. Kleinere Hindernisse überqueren. Mit Schutzanzug. Und Gasmaske. Dann - die Ruine. Treppen ins Obergeschoss hochjagen. Nächstes Opfer notversorgen (Anmerkung: An der Ruine kam aus strategisch-taktischen Gründen ein Dummy zum Einsatz). Verletzten auf die Trage hieven. Körper mit Seilen und Knoten sichern. Kontrolliertes Ablassen. Durchs Fenster. Ganz vorsichtig. Ganz langsam. Volle Konzentration. „Zeit gleich um! Tempo, sonst Wiederholung bis es passt!“ Nein! Bitte nicht. Nicht nochmal. Panik. Stress.  Chaos. An den Seilen nachgeben. Schneller, immer schneller. Trage und Dummy baumeln unkontrolliert an Ruinenwand hin und her. Rauschen nach unten. Egal, Hauptsache wir halten die Zeit. Trage schlägt am Boden auf. Dummy hängt noch dran, allerdings mit dem Gesicht nach unten. Grölendes Gelächter. Unterhaltungswert enorm. Gilt das jetzt noch? Treppen runter stolpern. Zurück im Schweinsgalopp. Bestanden? Bestanden! Spätabends: illegale lärmgedämmte, feucht-fröhliche Siegesfeier unter Eingeweihten. Mit und ohne Schnuffi.


Ergänzung: Seit Ende Februar 2022 bemerkenswerte Trefferquote beim Family-Dart abgeliefert.


Wenn Wladimir morgen die Mittelstreckler los schickt oder persönlich vorbeischaut:
Ich bin vorbereitet. Ich hab (fast) keine Angst vor Krieg.



Nur ausgeliehen und gefühlte drei Nummern zu groß
Foto: privat







05/2022