Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Wilde Hunde

Ich ging mit einem Freund über die Felsen zum Meer. Setzte mich auf einen großen, glatten Stein und schloss die Augen. Ein ruhiger Augenblick, in dem ich mich der Natur, den Elementen und meinem Sein widerstandslos hingeben konnte. Die frische saubere Luft einatmen, die Sonnenwärme auf der Haut spüren, das Meer unter mir rauschen hören.

Etwas schob sich von der Seite an mich heran. Es war der große schwarze Hund, vor dem alle Respekt hatten. Ich erschrak nicht. Er drückte seinen Kopf an meine Schulter. Ich wusste, er war friedlich. Jetzt gerade. Er legte seine Vorderpfoten auf meine Oberschenkel. Sein Gewicht drückte auf meine rechte Seite. Ich begann ihn vorsichtig zu streicheln. Er hob den Kopf und schaute mich mit seinen bernsteinfarbenen Augen an. Tiere haben eine Seele, dachte ich und streichelte ihn weiter. So oft hatte ich ihn angeschnauzt, wenn er an mir hochgesprungen war. Jetzt lag er bei mir. Wir hatten Frieden geschlossen. Für diesen Moment. So saßen wir eine Weile, bis wir uns entschlossen zurückzukehren. Diese wilden Hunde litten keinen Hunger. Sie bekamen ihr Futter, wer weiß von wem. Sie waren gesund. Und frei.


Ich war unterwegs. Lief unterhalb der leer stehenden Hotels und Appartments. Schaute der Sonne zu, die rot im Meer versank. An diesem eisig-windigen Abend. Plötzlich kamen sie herangeprescht. Der Schwarze. Und der Helle. Die wilden Hunde. Der Helle sprang an mir hoch. Der Schwarze auch. Panik. Sie suchten mit den Pfoten Halt an meiner Brust. Bellten, knurrten, sprangen und attackierten mich. Ich versuchte es mit energischen Worten. Schimpfte. Brüllte. Ich versuchte es mit ruhigen Worten. Es half nichts. Ich versuchte sie abzuwehren, mit meinem Körper dagegenzuhalten, sie wegzustoßen. Das machte sie nur noch aggressiver. Sie fletschten die Zähne und warfen sich auf mich. Zerrten an meinen Schal. Schnappten hinten am Anorak. Ich hatte Angst, dass sie mich in den Hintern beißen. Meinen Anorak zerfetzten. Den brauchte ich noch!
Sie rissen an meiner Tasche. Ich fühlte mich ausgeliefert. Ohnmächtig. Was sollte ich nur tun? Wie entkommen? Wegrennen ging nicht. Nicht bei GROSSEN, SPORTLICHEN, WILDEN HUNDEN. Der Helle sprang mir fast ins Gesicht. Sein offenes Maul und die spitzen scharfen Zähne - nur wenige Zentimeter entfernt. Da hörte ich mich beten. Lieber Gott, beschütze mich. Wieder und wieder kam es aus mir heraus. Verzweifelt. Bittend. Flehend. Die wilden Hunde ließen von mir ab. Ich betete weiter. Erleichtert, dass es half. Die Hunde bogen links zum Strand ab. Ich ging nach rechts. Froh, sie ausgetrickst zu haben. Wenn auch nur für kurz. Ein paar Schritte später hörte ich sie hinter mir hecheln. Ich betete laut. Sie sprangen nicht mehr. Rannten neben mir. Rangelten, bellten, knurrten und verkeilten sich ineinander. Ich behielt sie im Blick. Passte auf, dass meine Waden nicht zwischen ihre Zähne gerieten. Endlich erreichte ich meine Wohnung, verschloss die Tür von innen und warf mich weinend aufs Sofa. Dankte dafür, heil davongekommen zu sein. Dieses Mal. Später nahm ich meinen Anorak und stellte fest, dass er unversehrt war.

Der tut nichts, der will nur spielen … hörte ich Hundebesitzer sagen.


(auch wenn es MEINE Socke und MEIN Anorak war)













Januar 2022