Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Ein Glas Wasser ...


Um meine Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern, fuhr ich nach Bar. Ich setzte mich auf die Holzbank vor der Tourist-Info und wartete. Endlich war ich dran, zog die schwarze Stoffmaske ins Gesicht und trat ein. Wieder hatte die ältere, streng wirkende Mitarbeiterin mit dem dunklen kurzen Haar Dienst. Heute lief's nicht glatt.


Meine Montenegro-Einreise mit Personalausweis und der kurzweilige Albanien-Silvester-Ausflug zum Reisepass-Abstempeln hatten offensichtlich für Verwirrung und Klärungsbedarf bei der Kollegin am Schalter gesorgt. Es dauerte. Die Frau schob ihren Laptop auf den Knien hin und her. Es dauerte. Die Maus fiel herunter. Es dauerte. Sie telefonierte. Es dauerte.

Da stand ich. Mit der Maske. Und bekam kaum Luft. Das war bei mir immer so. Ich kam einfach nicht zurecht damit. Mir das anzugewöhnen oder gar anzutrainieren, funktionierte nicht. Nicht bei mir. Ich musste frei atmen.

Auf einmal wurde mir schwindlig. Kreislauf? Keine Ahnung. Einatmen. Ausatmen. Ich hatte normal geschlafen und normal gefrühstückt. Mir wurde übel. Was tun? Ich zog den Lappen ein Stück vom Gesicht und lehnte mich schwer atmend an die Wand. In der Hoffnung, dass es bald vorbei sein würde. 

Die Frau schaute mich an. Sie fragte, ob ich ein Problem mit der Maske hätte. Ich nickte. Darauf gab sie mir ein Zeichen, ich sollte die Maske herunterziehen. Dass sie sich um mich sorgte, irritierte mich, das war ich nicht gewöhnt. Ich zog also die Maske vom Gesicht und bedankte mich, weiter nach Luft ringend. Elend war mir. Einatmen. Ausatmen. Stöhnen. Herumstehen. Es ging mir nicht besser. Die Frau zeigte zur Tür und meinte, ich sollte rausgehen an die frische Luft. Raus an die frische Luft? Ja klar. Ich dankte ihr nochmals und setzte mich draußen wieder auf die Bank. Versuchte, mich aufs Atmen zu konzentrieren und genug Sauerstoff zu inhalieren. Ich fühlte mich so schwach, so müde. Wollte mich hinlegen und schlafen. Einfach hier auf der Bank? Das ging nicht. Einatmen. Ausatmen.

Die Frau kam heraus und fragte, ob ich ein Glas Wasser wollte.

Ein Glas Wasser?

Ich sah sie an. Ungläubig.

Ein Glas Wasser?

Ja, sehr gern. Vielen Dank. Hvala.

Sie ging ins Haus und brachte mir kurz darauf ein Glas Wasser. Ich bedankte mich erneut. Als sie im Büro verschwunden war, kamen mir die Tränen.

Ein Glas Wasser.

1500 Kilometer war ich gefahren, um ein bisschen Menschlichkeit zu erleben. In Montenegro, wo Menschen den Unterschied machten. Menschen, die Regeln einfach außer Kraft setzten und sich um meine Gesundheit sorgten, obwohl ich hier ein Flüchtling, eine Fremde war.

Wie oft hatte ich das erlebt? In Deutschland. An irgendwelchen Kassen warten. Schlange stehen. Mit der Maske im Gesicht. Nach Luft hechelnd. Die Panik in mir aufsteigen spüren. Die Angst, vor all den Menschen umzukippen. Für mich war das immer eine Tortur gewesen. Interessiert hatte es niemanden. Wahrscheinlich hätte ich den Krankenwagen noch selbst bezahlen müssen. In Deutschland.

Ich nippte am Wasser. Trank einen Schluck. Es tat gut. Ich fühlte Demut. Und Dankbarkeit, diese Erfahrung gemacht zu haben. Als es mir etwas besser ging, holte ich den rosa Schein. Drei Monate Zeit. Bis Ende März. Wer wusste, was bis dahin passieren würde. An den Grenzen. Und in Deutschland.

01/2022